Dienstag, 6. September 2011

Digital is NOW: Am Beginn der Inhalte-Revolution


"Das Internet fragt nicht, bevor es Ihr Geschäftsmodell verändert"

So pointiert der visionäre Berliner Software-Unternehmer Bernd Völcker die Veränderungen durch die Digitalisierung aller Lebensbereiche. Sein jährlicher Infopark Internet-Kongress iico.de gilt neben der DLD Conference von Hubert Burda in München, der NEXT Konferenz von SinnerSchrader und der re:publica von Spreeblick und newthinking in Berlin ein renommierter Treffpunkt der Online-Branche zu sein.

Auf der halbstaatlichen Berlin-Brandenburger Medienwoche anläßlich der IFA 2011 im ICC Berlin scheint von den dramatischen Umbrüchen noch nicht jeder etwas mitbekommen zu haben. Anders kann ich die Auftakt-Keynotes von Kulturstaatsminister Bernd Neumann und Axel-Springer-Vorstand Mathias Döpfner an diesem Montag kaum interpretieren - leider.

Die Verlagsbranche: "Pleite oder doppelt so glücklich"

Während Kohl- und Merkel-Vertrauter Neumann über die Aufgaben des (Staats-)Rundfunks mit oder ohne Tagesschau-App seniert, träumt Friede Springers "Ziehsohn" Döpfner von der 'Süddeutschen Allgemeinen Welt', die mit Freemium-Seiten, General- und Special-Interest-Apps auf dem iPad sowie Kompakt- und Spezialformaten den Auflagen-Einbruch überleben soll. Doch die Wahrheit ist dramatischer:

Döpfner selbst lässt am Ende der Auftakt-Podiumsdiskussion die Katze aus dem Sack: Entweder man ist als Marke bekannt - oder nicht. Im App-Business sind Zeitungen, Fernsehsender und andere Medien(marken) austauschbar. Seine BILD-Digital-Geschäftsführerin Donata Hopfen spitzt es im Track "Mobile First" weiter zu: "Wir sind alle in einem Haifisch-Becken unterwegs." 

Prof. Dr. William Uricchio, Medienwissenschaftler und Vordenker am MIT in Boston, sieht die Entwicklung - freundlich pointiert - als "Ringen um die Zeit und das Geld" der Nutzer. Der Buchautor nimmt in seiner Keynote in Berlin kein Blatt vor den Mund: "Die Medienindustrie hat nicht länger ein Monopol auf Inhalte und deren Verbreitung."  Die Kirche als Beispiel für das gemeinsame Erlebnis vor Augen, zieht  Uricchio diesen Vergleich:

"Das Erfolgsmodell ist nicht, eine Bibel zu abonnieren."

Bislang stellten sich Verlage zwischen Leser und Werbetreibenden, sammelten von beiden Seiten das Geld ein, spitzt Ken Doctor, News Industries Analyst das alte Geschäftsmodell am zweiten Konferenztag zusammen. Mit 1/3 der digitalen Werbeerlöse kontrolliert Google den Online-Werbemarkt. Mit AOL, Google, Facebook, Microsoft und Yahoo! kontrollieren 5 Großkonzerne 63% der globalen Umsätze aus digitialer Werbung, schüttet Doctor den Verlegern einen kräftigen Schluck Wasser in den Wein.

Seit 2007 gelten die "Economics of Transitions"

Doctor, Autor des Bestsellers "Newsonomics"  stellt in 12 Thesen dar, warum Döpfner & Co. mehr als nur ein Problem haben, und das trotz 12-14 Minuten gestiegenen Lesezeiten für Nachrichten im Web. Neue Mitspieler wie Steve Jobs, neue Geräte wie Smartphones, neue Kanäle wie Twitter und neue Geschäftsmodelle wie Freemium sorgen seit rd. 5 Jahren für einen immer schneller werdenden Umbruch.

Die Spitze des Eisbergs: "Es passiert schneller und schneller."

Am Beispiel Twitter warnt William Uricchio, dass Werbeetats einen schlechten Film heute nicht mehr retten können, ein millionenschweres Projekt innerhalb eines Tages in der Versenkung verschwinden kann. Nach rd. 130 Jahren zentralisierter Medienindustrie mit Urheberrechten und 'Kultur aus der Box' stehen wir am Beginn der 'Inhalte-Revolution'.

Drei Faktoren sind für den - auch in Utrecht lehrenden - Querdenker entscheidend:
  • Partizipation
  • Story Telling und
  • Transmedia.
Der Amerikaner sieht als gutes Beispiel für Beteiligung jenseits kostenpflichtiger Urheberrechte die Creative-Commons-Lizenzen. Am Ende des Tages gehe es schließlich um das Erzählen von Geschichten - im Fernsehen wie in allen anderen Medien. Social Media sind für Uricchio dabei "ein Weg, die Begeisterung der Leute zu gewinnen."

Ken Doctor ergänzt in seinen Ausführungen das Online-Nutzerverhalten und sich daraus ableitende Geschäftsmodelle für alte und neue Medienseiten:
  •   5-10% sind zahlende Abonnenten
  • 10-15% sind registrierte Stammleser
  • 75-80% sind anonyme Gratiskonsumenten
Das Tablet - die Verbindung von analog zu digital 

Wenn man den Lobeshymnen der "Digital-Macher" aus deutschen Verlagen glauben schenken darf, werden uns vor allem Apps die kommenden 10 Jahre als Allheilmittel der angeschlagenen Content-Industrie verfolgen. In Tablets sieht auch Ken Doctor ein wichtiges Instrument beim Übergang in die digitale Welt, nennt Pads ein "point-like replacemnet". David Rowan, Chefredakteur der britischen WIRED umschreibt die mobile Entwicklung mit

"You take your Social Graph with you."

Neben Smartphones und Tablet-PCs steht "Mobile" für den renommierten Journalisten und Blogger auch für Musik, Videos, Spiele und eben den Kontakt mit "Freunden".  Nur zwei Faktoren sind im Mobile-Business dabei ausschlaggebend fürs Geld verdienen:
  1. "Ego Boosts" (Self-Promotion)
  2. "Hook ups" (Meet People for adventures)
Der Schlüssel, um mobil - also mit Apps - Geld zu verdienen, ist laut Rowan das Community-Building. Er schreibt den - zumeist deutschen Zuhörern der Medienwoche - ins Stammbuch: "Everyone is for graph now."

"Keep innovating - rethink your revenue-stream"

Hört man den deutschen "Digital-Machern" aus den Verlagen genau zu, sind die von BILD, TV Movie & Co. verteilten Inhalte gedruckt, online und mobil doch wieder nahezu identisch. Genau das ist für Medienwissenschaftler Uricchio kein transmediales Geschäftsmodell. Und Onlineexperte Rowan fordert, den bisherigen Revenue-Stream zu überdenken.

Zwei eher am Rande Beteiligte geben in Berlin den alten Geschäftsmodellen sogar einen beherzten Todesstoß. Für Christian Frankenstein, Gründer und Vorstand der MME Moviement  AG, "atomisieren" sich die alten Vertriebswege gerade. René Schuster, CEO des Telekommunikations-Anbieters Teléfonica Germany, sieht "Pushing Content auf dem letzten Weg".

"Disruption is the new norm. Disruption is just begining."

In einer Welt, in der Social Media, News und Games auf den Top-Plätzen um die Gunst der mobilen Nutzer buhlen, in einer Zeit, in der "Discount-Journalismus" von "Qualitäts-Anbietern" kostenpflichtig gegen Gratis-Anbieter wie Facebook, Google und Twitter antritt und in einem Wettbewerb von (halb-)staatlicher Tagesschau-App und Seite-1-Mädchen zum Schütteln (BILD-App) gilt es, die Realität nicht zu vergessen. Und die lautet: 

Im "Digital Moment" gibt es keine "eierlegende Wollmilchsau" - gerade im Kontext der Convergence von Smartphones, Tablet-PCs, Smart-TVs und Companies, die ihre Angebote über verschiedene Kanäle adressieren wollen. Nichts ist in der neuen, digitalen Welt wirklich "sicher", sagt David Rowan.

Alte wie neue Anbieter können sich nur auf die Seite der Nutzer schlagen und "Design for humans" betreiben. Dabei hilft ihnen vielleicht der Dreiklang aus Social, Local und Mobile - kurz "SoLoMo" -, wie ihn der VC-Spezialist John Doerr von KPCB als globalen Trend ausgemacht hat, auf den die Geschäftsmodelle von Groupon bis Foursquare aufbauen. Vielleicht werden aber auch diejenigen zum "Hero", die uns allen echte Probleme lösen.

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